Chile


Chile
Chi|le ['t̮ʃi:le , auch: 'çi:le ]; -s:
Staat in Südamerika.

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Chile
 
 
 
Fläche: 756 096 km2
 
Einwohner: (2000) 15,2 Mio.
 
Hauptstadt: Santiago
 
Amtssprache: Spanisch
 
 
Währung: 1 Chilenischer Peso (chil $) = 100 Centavos
 
Zeitzone: 700 Santiago = 1200 MEZ
 
['tʃile], amtlich spanisch Repụ́blica de Chile [- 'tʃile], Staat im Südwesten Südamerikas; erstreckt sich von der Grenze zu Peru im Norden entlang der Pazifikküste bis zur Südspitze Südamerikas über eine Länge von 4 300 km, bei einer Breite von 90-445 km von der Küste bis zur Wasserscheide der Anden im Osten (Grenze zu Bolivien und Argentinien); zum chilenischen Hoheitsgebiet gehören außerdem die Juan-Fernández-Inseln, Islas de los Desventurados (San Félix, San Ambrosio, Gonzales), Isla Sala y Gómez sowie die Osterinsel; das Staatsgebiet von 756 096 km2 entspricht mehr als der doppelten Größe Deutschlands. Der von Chile beanspruchte Teil der Antarktis (53 º-90 º westliche Länge) umfasst 1,25 Mio. km2. Chile hat (2000) 15,2 Mio. Einwohner, Hauptstadt ist Santiago, Amtssprache Spanisch. Währung: 1 Chilen. Peso (chil $) = 100 Centavos. Zeitzone: Atlantic Standard Time (700 Santiago = 1200 MEZ).
 
 Staat und Recht:
 
 
Nach der im September 1980 durch Referendum angenommenen und im März 1981 in Kraft getretenen Verfassung (mehrfach, zuletzt 2000, modifiziert) ist Chile eine präsidiale Republik. Staatsoberhaupt und oberster Inhaber der Exekutive (Regierungschef) ist der auf 6 Jahre direkt gewählte Präsident (eine unmittelbare Wiederwahl ist ausgeschlossen). Er ernennt die Mitglieder des Kabinetts und hat das Recht, Dekrete mit Gesetzeskraft zu erlassen (ausgenommen sind gesetzliche Änderungen, die das Militär oder die Sicherheitsorgane betreffen). Die Legislative liegt beim Kongress, bestehend aus Senat (38 auf 8 Jahre gewählte und 9 ernannte Mitglieder) und Abgeordnetenkammer (120 Abgeordnete, für 4 Jahre gewählt). Verfassungsänderungen bedürfen der Zweidrittelmehrheit beider Kammern des Parlaments.
 
Parteien:
 
Mit dem Parteiengesetz von 1987 wurde die Bildung politischer Parteien legalisiert. Einflussreichste Parteien und Bündnisse: Concertación de Partidos po la Democracia (CPPD; deutsch Parteienbündnis für Demokratie), Unión por Chile (deutsche Union für Chile), Partido Demócrata Cristiano (PDC; deutsch Christlich-Demokratische Partei), Renovación Nacional (RN; deutsch Nationale Erneuerung), Unión Democráta Independiente (UDI; deutsch Unabhängige Demokratische Union), Partido por la Democracia (PPD; deutsch Partei für die Demokratie), Partido Socialista (PS; deutsch Sozialistischen Partei), Partido Radical Socialdemócrata (PRSD; deutsch Partei der radikalen Sozialdemokraten).
 
 
Die traditionsreichen chilenischen Gewerkschaften waren nach dem Militärputsch von 1973 weitgehend verboten worden und formierten sich Ende der 80er-Jahre neu. Neben Einzelgewerkschaften existieren mehrere große Dachverbände, darunter die Central Unitaria de Trabajadores de Chile (CUT-Chile), die Central Democrática de Trabajadores (CDT), die Frente Nacional de Organizaciones Autónomas (FRENOA) und die Comisión Nacional Campesinas (CNC).
 
 
Das 1834 angenommene Wappen zeigt im Zentrum den Wappenschild, gehalten von einem Kondor und einem Huemul (einheimische Hirschart); über dem Schild drei in den Landesfarben gehaltene Straußenfedern, darunter auf einem Schriftband der aus der Kampfzeit gegen die Spanier stammende Wahlspruch »Por la Razón o la Fuerza« (»Mit Vernunft oder Gewalt«).
 
Nationalfeiertage:
 
18. September, zur Erinnerung an die Einsetzung einer Junta in Santiago nach Vertreibung des spanischen Generalkapitäns im Jahre 1810.
 
 
Das Land ist in 13 Regionen, 51 Provinzen und 335 Kommunen gegliedert. An der Spitze der Regionen steht ein vom Staatspräsidenten eingesetzter Intendente Regional, an der Spitze der Provinz ein Gobernador Provincial. 1991 wurden die zuvor von der Regierung ernannten Vertretungsorgane durch gewählte Repräsentanten ersetzt.
 
 
An der Spitze der Gerichtsbarkeit steht der Oberste Gerichtshof mit weitgehenden Kontrollbefugnissen gegenüber den nachgeordneten Gerichten. Alle Richter werden vom Präsidenten aufgrund von Vorschlagslisten des jeweils übergeordneten Gerichts auf Lebenszeit ernannt; Richter für den Obersten Gerichtshof werden von diesem selbst vorgeschlagen. Durch die Verfassung von 1980 wurde ein Verfassungsgericht neu eingeführt, dem die Normenkontrolle, die Kontrolle von Volksentscheiden und das Verbot verfassungswidriger Parteien obliegt; beibehalten wurde die Contraloria General, die als Rechnungshof fungiert und die Rechtmäßigkeit von Verwaltungshandlungen prüft.
 
 
Die Gesamtstärke der Wehrpflichtarmee (Dienstzeit im Heer 12 Monate, bei der Luftwaffe 18 Monate, bei der Marine 21 Monate) beträgt rd. 93 000 Mann, die paramilitärische Polizeitruppe (»Carabineros«) hat 27 000 Mann. Das Heer (55 000 Mann) verfügt über sechs Divisionen und eine selbstständige Brigade. Die Marine hat 25 000 Mann, die Luftwaffe 13 000 Mann. Die Ausrüstung umfasst im Wesentlichen etwa 320 Kampfpanzer (darunter 150 veraltete M-51 und 60 M-24), etwa 100 vorwiegend leichte Kampfflugzeuge, 6 Zerstörer, 9 Fregatten, 4 U-Boote sowie 14 Kleine Kampfschiffe. - Das Land verwendet etwa 13 % der Staatsausgaben für die Verteidigung.
 
 Landesnatur und Bevölkerung:
 
 
Die Oberflächengestalt wird bestimmt durch die Hochkordillere im Osten, die Küstenkordillere im Westen und die sich dazwischen ausdehnende, tektonisch entstandene Längssenke (Großes Längstal). Nordchile (Großer Norden) wird von der Wüste Atacama eingenommen, an die sich südlich der semiaride »Kleine Norden« anschließt; die Küstenkordillere (1 000-2 000 m über dem Meeresspiegel) senkt sich hier ostwärts zu den schutterfüllten Becken der Pampa del Tamarugal (800-1 200 m über dem Meeresspiegel); die Hochkordillere mit den von Salaren durchsetzten Hochplateaus der Puna de Atacama (2 000-4 500 m über dem Meeresspiegel) wird von tätigen Vulkanen überragt (Ojos del Salado 6 893 über dem Meeresspiegel, Llullaillaco 6 723 m über dem Meeresspiegel). - Im nördlichen Mittelchile, der Zentralzone des Landes, bildet die Küstenkordillere kurze, bis über 2 000 m hohe Ketten oder plateauartige Rücken. In den Längsketten der Hochkordillere nimmt südwärts die Höhe der Gipfel (6 900-3 000 m über dem Meeresspiegel) und Pässe (3 900-1 900 m über dem Meeresspiegel) ab. Auch hier gibt es Vulkane (Maipo 5 290 m über dem Meeresspiegel). Die zentrale Längssenke besteht aus Flussaufschüttungen und vulkanischem Material (200-500 m über dem Meeresspiegel). - Im südlichen Mittelchile (Kleiner Süden) wird die Längssenke durch Gebirgszüge in Einzelbecken aufgelöst und endet im Golf von Reloncaví. Das Küstengebirge erreicht bis 1 000 m über dem Meeresspiegel, die Hochkordillere bis 3 400 m über dem Meeresspiegel (darunter in den Vulkanen Llaima 3 050 m, Villarrica 2 840 m und Osorno 2 660 m über dem Meeresspiegel). - In Südchile (Großer Süden, im Wesentlichen Westpatagonien) setzt sich das Große Längstal untermeerisch fort; die Küstenkordillere ist in gebirgige Inselgruppen (Chiloé, Chonosarchipel) aufgelöst, die Hochkordillere durch zahlreiche Fjorde (Canales), wie den Bakerfjord und die Magellanstraße, zerschnitten. In den inneren Gebirgsteilen von rd. 46º bis 52º südlicher Breite zwei große zusammenhängende Firn- und Eisfelder (Patagon. Inlandeis).
 
Eine Folge der noch andauernden vulkanischen und tektonischen Tätigkeit sind Erdbeben, die das ganze Land, besonders Mittelchile, häufig heimsuchen. In engem Zusammenhang mit Vulkanismus und Gebirgsbildung steht der Reichtum an Bodenschätzen (Kupfererzabbau in Nord- und Mittelchile, Eisenerzvorkommen bei La Serena; Salpeterlager in Nordchile).
 
Die meist kurzen, in Ost-Westrichtung verlaufenden Flüsse haben von Norden nach Süden zunehmende Wasserführung und werden im Kleinen Norden und nördlichen Mittelchile zur Bewässerung genutzt. Die eiszeitliche Vergletscherung hat am Westfuß der Hochanden im südlichen Mittelchile eine Reihe größerer Seen (Villarrica, Ranco, Puyehue, Llanquihue) geschaffen.
 
 
Durch seine Erstreckung über 39 Breitengrade gliedert sich Chile klimatisch in die extrem trockene subtropische Wüstenzone Nordchiles mit einer nebelreichen Küste, das nördliche Mittelchile mit subtropischem Winterregenklima, das südliche Mittelchile mit kühlgemäßigtem Winterregenklima und Südchile mit reichen Niederschlägen zu allen Jahreszeiten und niedrigen Sommertemperaturen.
 
 
Die Bevölkerung ist verhältnismäßig homogen und besteht überwiegend aus Mestizen. Nach Angaben der Volkszählung 1992 beträgt der Anteil der indianischen Urbevölkerung rd. 10 % (überwiegend Mapuche, wenige Aimara). In den einfachen Bevölkerungsschichten ist das araukanische, bei den oberen Schichten das europäische Element stärker vertreten. Nach der Einwanderung der Spanier in der Kolonialzeit hat es nur noch im 19. Jahrhundert eine nennenswerte Einwanderung gegeben (rd. 100 000 Einwanderer; neben Südeuropäern waren auch Mittel- und Westeuropäer beteiligt, besonders Deutsche im südlichen Seengebiet, in Valdivia, Osorno und Puerto Montt).
 
Die Bevölkerungszahl (1907: 3,23 Mio.) stieg von 1952 (5,93 Mio. Einwohner) bis 1970 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 2,3 % auf 8,88 Mio. Einwohner, danach mit einer Rate von 1,9 % auf (Volkszählung 1992) 13,35 Mio. Einwohner. Mitte der 90er Jahre wird die Wachstumsrate auf 1,6 % geschätzt (Geburtenrate: 22 ‰, Sterberate 6 ‰). Die Bevölkerungsverteilung ist sehr uneinheitlich. In der sommertrockenen Zentralzone Mittelchiles leben auf rd. 15 % des Staatsgebietes etwa 75 % der Gesamtbevölkerung; der Norden, der Süden und die Hochgebirgsregionen sind fast menschenleer. Die größten Ballungsräume bilden die Stadtregionen Groß-Santiago (1993: 4,6 Mio. Einwohner), Valparaíso-Viña del Mar (0,62 Mio. Einwohner) und Concepción-Talcahuano (0,58 Mio. Einwohner). Der Anteil der städtischen Bevölkerung beträgt 84 %. Die Sozialstruktur Chiles ist durch eine relativ breite Mittelschicht (v. a. öffentliche und private Angestellte) gekennzeichnet. Niedrige Säuglingssterblichkeit (15 ‰, niedrigster Wert in Südamerika) und hohe Lebenserwartung (76 Jahre) sind Ausdruck eines vergleichsweise hohen Entwicklungsstandes.
 
 
Die Religionsfreiheit ist gesetzlich geschützt. Eine Staatskirche im rechtlichen Sinn besteht seit 1925 nicht mehr. Traditionell hat jedoch die katholische Kirche als Glaubensgemeinschaft, der über 80 % der Bevölkerung angehören, eine besondere Stellung. Es bestehen fünf Erzbistümer: Antofagasta, Concepción, La Serena, Puerto Montt, Santiago de Chile. Über die Hälfte der rd. 6 % protestantischen Christen gehören unabhängigen chilenischen (»kreolischen«) Kirchen meist pfingstlerliche Prägung, die übrigen den protestantischen Einwandererkirchen an (v. a. Baptisten, Lutheraner, Methodisten, Presbyterianer). Kleine christliche Gemeinschaften bilden die anglikanischen und orthodoxen Christen. Daneben bestehen eine religiöse Minderheit der Bahais und eine kleine jüdische Gemeinde. Traditionelle indianische Religionen haben sich unter Teilen der indianischen Bevölkerung erhalten.
 
 
Allgemeine Schulpflicht bei kostenlosem Unterricht besteht vom 7. bis 15. Lebensjahr. Auf die achtjährige Grundschule folgt die vierjährige höhere Schule. Das abschließende Reifezeugnis berechtigt zum Besuch einer Hochschule. Die Analphabetenquote beträgt 4,8 %. Älteste Universität ist die 1842 gegründete staatliche Universidad de Chile in Santiago. Mit der Anfang der 1980er-Jahre durchgeführten Hochschulreform sind eine Reihe von regionalen Universitäten entstanden, von denen allerdings nur die traditionellen Hochschulen in Santiago, Valparaíso, Concepción und Valdivia internationales Niveau besitzen.
 
 
Presse: Mit dem Ende der Militärherrschaft 1990 wurde die Pressezensur aufgehoben. Die meisten überregionalen Publikationen kommen in Santiago heraus. In der Verlagsgruppe Empresa El Mercúrio S. A., Santiago, erscheinen »El Mercúrio«, die Kaufzeitungen »Las Últimas Noticias«, »La Segunda«, je eine Zeitung in acht weiteren Städten des Landes sowie zahlreiche Zeitschriften. In der Hauptstadt verbreitet sind das Morgenblatt »La Tercera de la Hora« und »La Nación«. - Nachrichtenagentur: »Orbe Servicios Informativos, S. A.«, Santiago. - Rundfunk: Landesprogramme strahlen der regierungseigene Sender »Radio Nacional de Chile« sowie die 1936 gegründete regierungsnahe »Asociación de Radiodifusoras de Chile« (ARCHI), in der 340 Sendestationen zusammengeschlossen sind, aus. Die Regierung plant die Privatisierung des über 145 Stationen verfügenden staatlichen Fernsehnetzes »Televisión Nacional de Chile - Canal 7«, gegründet 1958, und der Fernsehsender der Universität in Santiago und Valparaíso. Zu diesem Zweck wurde 1989 ein nationaler Fernsehrat gegründet, der wirtschaftliche Aspekte und Zulassungsbedingungen für private Sender klären soll. Nichtkommerzielle Stationen sind die »Corporación de Televisión de la Universidad Católica de Chile - Canal 13«, gegründet 1959, und »Red Telenorte de Televisión« (Universidad del Norte), gegründet 1981, mit vier Kanälen. Es existieren mehrere Satellitenempfangsstationen.
 
 Wirtschaft und Verkehr:
 
 
Die chilenische Wirtschaft wird seit dem 19. Jahrhundert vom Bergbau bestimmt (zunächst Salpeter, später Kupfer). Verstärkte Industrialisierungsbemühungen setzten nach der Weltwirtschaftskrise ein (Importsubstitution). Eine Förderung der exportorientierten Landwirtschaft begann erst Mitte der 1970er-Jahre. Mit einem Bruttosozialprodukt je Einwohner von (1994) 3 560 US-$ zählt Chile zu den Entwicklungsländern mit mittlerem Einkommen. Nach dem Militärputsch (1973) unter General Pinochet wurde der »chilenische Weg zum Sozialismus« durch ein neoliberales, monetaristisches Wirtschaftsmodell abgelöst (Reprivatisierung bis auf die Großunternehmen des Bergbaus und der Schwerindustrie, Öffnung gegenüber dem Weltmarkt und dem Auslandskapital, Abbau des Staatssektors). Die streng marktwirtschaftliche Politik wurde trotz der tiefen Wirtschaftskrisen von 1975 und 1982/83 (Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von jeweils rd. 15 %) und langer Zeit sehr hoher Arbeitslosigkeit (Maximum 1982-84 mit 25-30 %) beibehalten, wird jedoch seit 1985 weniger dogmatisch verfolgt und zunehmend in Richtung einer sozialen Marktwirtschaft weiterentwickelt. Die längerfristigen Erfolge sind beeindruckend: Seit 1985 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) kontinuierlich mit hohen, deutlich über dem Bevölkerungswachstum liegenden Raten (Durchschnitt 1985-94: 6,5 %, 1994: 4,2 %); die Inflation reduzierte sich von (1973) 606 % unter Schwankungen auf (1994) 9 %; die Arbeitslosenquote beträgt (1993) nur noch 4 %; die Auslandsverschuldung konnte allerdings nur vorübergehend leicht abgebaut werden und beläuft sich auf (1994) 21,89 Mrd. US-$. Gleichzeitig stieg die Investitionsquote an, und Chile wurde für ausländische Investitionen attraktiv (v. a. im Bergbausektor). Als zweites lateinamerikanisches Land (nach Mexiko) ist Chile seit 1994 Mitglied der asiatisch-pazifischen Wirtschaftskooperation APEC. 1996 unterzeichnete Chile ein Freihandelsabkommen mit den Ländern des gemeinsamen südamerikanischen Marktes (Mercosur) und ist seit 2000 dessen Mitglied; 2002 wurde ein Assozierungsabkommen mit der EU abgeschlossen.Verhandlungen über einen Beitritt zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen NAFTA laufen.
 
 
Im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Staaten hat die Landwirtschaft nur eine geringe Bedeutung (Anteil am BIP 1994: 8 %, an Erwerbstätigen 1992: 18 %). Aufgrund der klimatischen und topographischen Bedingungen können nur 24 % der Gesamtfläche (v. a. in Mittelchile) landwirtschaftlich genutzt werden: (1992) 4,2 Mio. ha als Ackerland (einschließlich Dauerkulturen), 13,6 Mio. ha als Dauerwiesen und -weiden. Die bewässerte Fläche beträgt rd. 1,3 Mio. ha. Auf der Basis des Agrarreformgesetzes von 1967 ist der Großgrundbesitz unter den Regierungen Frei und Allende vollständig enteignet worden (67 % des Bewässerungs- und 31 % des Trockenlandes). Bei der Neuverteilung wurden kollektiv bewirtschaftete Produktionseinheiten bevorzugt. Im Gegensatz dazu förderte die zwischen 1973 und 1989 herrschende Militärjunta das Privateigentum: 30 % der Flächen wurden an die ursprünglichen Eigentümer zurückgegeben, der Rest größtenteils auf etwa 50 000 Nutzer verteilt. Dadurch hat sich ein starker Sektor mittelgroßen Landbesitzes (20-80 ha) herausgebildet. Die Agrarpolitik zielt darauf ab, einerseits agrarische Importe weitgehend zu substituieren (mittels Preisgarantien, Krediten, Technologietransfer), andererseits den Export von Obst zu fördern. Dadurch konnten bei den traditionellen Anbauprodukten (hauptsächlich Weizen, daneben Mais, Hafer, Kartoffeln und Zuckerrüben) große Ertragssteigerungen erzielt werden, und der Agrarsektor wurde außerdem zu einem wichtigen Devisenbringer. Chile ist heute einer der größten Fruchtexporteure der Welt (besonders Äpfel und Tafeltrauben) und exportiert auch Gemüse. Die Bedingungen für den Weinbau sind günstig. Angebaut werden zwischen 32º und 36º südlicher Breite vorzugsweise Sorten französischer Herkunft (v. a. Rotweine). Die Rebfläche betrug (1993) rd. 73 000 ha, die Traubenernte erreichte (1992) 1,19 Mio. t, die Weinerzeugung 0,29 Mio. t.
 
Das Schwergewicht der Viehzucht liegt in der Rinderhaltung (besonders in Mittelchile und in der südlichen Seenregion). Der Futteranbau auf bewässertem Land wurde intensiviert, die Qualität des Viehbestandes (1993: 3,7 Mio.) verbessert. Die Schafhaltung zur Gewinnung von Wolle konzentriert sich besonders auf Patagonien und Feuerland (1993: 3,0 Mio. von 4,6 Mio. Schafen).
 
 
Dieser Zweig und die mit ihr verbundene Holzindustrie hat sich zu einem der dynamischsten Sektoren der chilenischen Wirtschaft entwickelt. Von den (1992) 8,8 Mio. ha Wald gelten etwa 5 Mio. ha als wirtschaftlich nutzbar. Während in der Vergangenheit vorwiegend Naturwälder abgeholzt wurden, kommt das Holz heute hauptsächlich aus Forstplantagen, und es wird eine massive Aufforstungspolitik betrieben (zwischen 1974-90 im Jahresdurchschnitt rd. 80 000 ha mit Monterey-Kiefer und Eukalyptus). Exportiert werden v. a. Cellulose, Schnittholz und Papier.
 
 
Der Fischreichtum des Humboldtstroms begünstigt die Fischwirtschaft. Der Großteil der Fangmenge (1992: 6,2 Mio. t, weltweit an 5. Stelle) wird industriell weiterverarbeitet (v. a. zu Fischmehl für den Export).
 
 
Der Anteil des Bergbaus am BIP beläuft sich auf 8 %. Chile besitzt rd. 24 % der bekannten Kupfervorkommen der Erde und ist mit einer Bergwerksproduktion von (1993) 2,12 Mio. t Kupfer größter Kupfererzeuger der Erde. Die großen Kupferminen Chuquicamata (größter Kupfertagebau der Erde), El Salvador, Andina, Exótica im Norden sowie El Teniente in Zentralchile sind 1971 verstaatlicht worden. Ihr Anteil an der Kupferproduktion belief sich bis Anfang der 90er-Jahre auf rd. 75 %. Der Rest entfiel auf kleine und mittelgroße private Betriebe. Der private Sektor gewann ab 1991 an Bedeutung, als die Mine La Escondida mit einer Jahreskapazität von 320 000 t in Betrieb ging; sein Anteil an der Produktion belief sich Mitte der 90er-Jahre auf etwa 40 %. Fast die gesamte Erzförderung wird wegen des niedrigen Metallgehalts (rd. 1 %) an Ort und Stelle verhüttet und raffiniert. Als Nebenprodukte fallen Molybdän (1993: 14 900 t, weltweit 2. Stelle), Silber (1993: 985 t) und Gold (1993: 33,5 t) an. Salpeter wird aus der Caliche in der Atacama gewonnen. Während Chile früher bis zu 90 % der Stickstoffdünger lieferte, ist sein Anteil infolge der Erzeugung synthetischer Produkte auf 8 % gesunken. Von den ursprünglichen (um 1920) über 150 Betrieben arbeiten heute nur noch zwei. Als Nebenprodukt wird Jod gewonnen, mit dem Chile den Großteil des Weltbedarfs decken kann. Die Eisenerzförderung betrug (1992): 8,3 Mio. t mit durchschnittlichem Fe-Gehalt von 60 %. Kochsalz und Borax werden in den Salzpfannen der Atacama gewonnen; dort wurden außerdem große Lithiumvorkommen entdeckt.
 
 
Die Elektrizitätserzeugung konnte zwischen 1980 (11,8 Mrd. kWh) und 1993 (23,3 Mrd. kWh) verdoppelt werden (davon 73 % in Wasserkraftwerken, 1980 erst 62 %). Wegen Erschöpfung der Lagerstätten bei gleichzeitig steigendem Verbrauch deckt Chile nur noch 10 % des Erdölbedarfs aus eigenen Vorkommen. Bei Erdgas kann sich Chile selbst versorgen. Die Gewinnung von Erdöl und Erdgas soll durch die Erschließung neuer Vorkommen in Südchile gesteigert werden (z. B. Offshorevorkommen an Erdöl südlich von Punta Arenas, Erdgas auf Feuerland). Wichtig für die Energiewirtschaft sind auch die Kohlevorkommen, v. a. in der Provinz Arauco (Produktion 1993: 1,58 Mio. t).
 
 
Erste Industrialisierungsansätze gehen auf die Jahrhundertwende zurück. Nach dem Zusammenbruch des Salpetermonopols und der Weltwirtschaftskrise unternahm der chilenischen Staat große Anstrengungen zum Aufbau einer importsubstituierenden Industrie (Schutzzollpolitik, Devisenzwangswirtschaft, Gründung staatlicher Betriebe). Wichtigste Zweige waren die Nahrungsmittel- und Textilindustrie; Hauptstandorte Santiago, Valparaíso und Concepción. Als Zentrum der Schwerindustrie wurde seit 1947 das Stahlwerk Huachipato bei Concepción aufgebaut. Seit den 60er-Jahren stieß das binnenmarktorientierte Industrialisierungsmodell mehr und mehr an seine Grenzen (kleiner Markt, mangelnde Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt). Unter der Regierung Allende sind rd. 500 Unternehmen verstaatlicht worden. Die Militärregierung hat nicht nur diese Betriebe ihren früheren Eigentümern zurückgegeben, sondern auch weitere Staatsunternehmen privatisiert. Die gleichzeitige Liberalisierung der Wirtschaft (u.a. Senkung der Einfuhrzölle auf 10 %) traf die verarbeitende Industrie besonders hart und bedingte einen tief greifenden Strukturwandel zugunsten von Branchen mit komparativem Verhalten auf dem Weltmarkt (besonders Weiterverarbeitung von Rohstoffen wie Holz, Fisch, landwirtschaftliche Produkte, Metalle). Der Anteil der verarbeitenden Industrie am BIP beträgt (1994) 17 %.
 
 
Seit 1982 wird (mit Ausnahme von 1993) ein Handelsbilanzüberschuss erwirtschaftet, zunächst aufgrund stark rückläufiger Importe, seit Ende der 80er-Jahre aufgrund steigender und diversifizierter Exporte. Die Ausfuhr ist sehr von der Entwicklung der Weltmarktpreise für Chiles Hauptexportprodukt Kupfer abhängig (bis 1974 rd. 70-80 %, seither schrittweise Reduzierung auf [1994] 37 % der Exporterlöse). Bergbauliche Produkte machten (1994) 45 % der Exporterlöse aus. Die Ausfuhren landwirtschaftlicher Produkte (insbesonders Früchte) sind stark angestiegen (1994: 11 %), ebenso diejenigen industrieller Güter einschließlich Zellulose und Fischmehl (44 %). Haupthandelspartner sind die USA vor Japan, Brasilien und Deutschland.
 
Verkehr:
 
Nord- und Mittelchile sind verkehrsmäßig gut erschlossen. Die Eisenbahn (rd. 8 000 km) dient nur noch zwischen Santiago und Puerto Montt beziehungsweise Concepción dem Personenverkehr, sonst vorwiegend dem Transport von Massengütern. Von den früheren transandinen Strecken werden nur noch diejenigen von Arica und Antofagasta nach Bolivien für den Güterverkehr genutzt. Im Bau ist eine internationale Strecke, die die chilenische Hafenstadt Talcahuano mit dem Atlantikhafen von Bahia Blanca (Argentinien) verbinden soll. Wichtige Straßen (Gesamtlänge des Straßennetzes 1993: 79 293 km, davon 12 351 km Teerstraßen) sind das 3 400 km lange Teilstück der Carretera Panamericana von der peruanischen Grenze bis Puerto Montt in Nord-Südrichtung sowie mehrere Transandenstraßen nach Argentinien. 1988 wurde eine direkte Straßenverbindung (Carretera Austral) zwischen der Region Aisén und Puerto Montt fertig gestellt. Bis dahin war die Region auf dem Landweg nicht über chilenischem Gebiet erreichbar. See- und Küstenschifffahrt sind wegen der Nord-Südausdehnung Chiles von besonderer Bedeutung. Wichtigste Seehäfen sind Valparaíso, San Antonio, Talcahuano/San Vicente, Antofagasta und Iquique; wichtigster der sieben internationalen Flughäfen ist Arturo Benítez in Santiago. Die größten Fluggesellschaften sind die staatliche LAN (Línea Aérea Nacional de Chile) und die private LADECO (Línea Aérea del Cobre).
 
 
Zur Vorgeschichte Südamerika.
 
 
Die Eroberung Chiles durch die Spanier begann nach der Zerstörung des Inkareiches in Peru. Nach der erfolglosen Expedition (1535-37) unter D. de Almagro gelang P. de Valdivia 1541 die Gründung Santiagos und die Ausdehnung der spanischen Herrschaft bis an den Bío-Bío-Fluss. Südlich dieser Grenze behaupteten die einheimischen Araukaner bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit. Nachdem die in der Nähe Santiagos entdeckten Goldvorkommen nach wenigen Jahren erschöpft waren, zog Chile nur wenige spanische Siedler an, deren wirtschaftliche Betätigung sich auf die Landwirtschaft, das städtische Gewerbe und den Handel mit den peruanischen Bergbauzentren beschränkte. In Regierungs- und Verwaltungsangelegenheiten unterstand Chile dem peruanischen Vizekönig, verfügte aber durch Audiencia und Generalkapitän über eigene politische und administrative Autoritäten.
 
 
Die Bestrebungen der übrigen hispanoamerikanischen Kolonien, sich vom Mutterland zu lösen, griffen 1810 auch auf Chile über. Die Kreolen erzwangen den Rücktritt des Generalkapitäns und bildeten eine Regierungsjunta. Während ein chilenischer Kongress am 4. 7. 1811 noch im Namen des von Napoleon I. gefangen genommenen spanischen Monarchen Ferdinand VII. handelte, ergriffen die nach völliger Unabhängigkeit von Spanien strebenden radikalen Kreolen unter Führung von J. M. Carrera Verdugo mit militärischen Mitteln die Macht. Ihre Herrschaft wurde 1814 durch den Einsatz spanischer Truppen beendet. Erst nach der Andenüberquerung des aus argentinischen und chilenischen Unabhängigkeitskämpfern zusammengestellten Heeres unter General J. de San Martín und den Siegen bei Chacabuco (12. 2. 1817 und Maipó (5. 4. 1818 folgte die endgültige Trennung von Spanien (Unabhängigkeitserklärung am 12. 2. 1818). 1826 wurden die Spanier aus ihrem letzten Stützpunkt auf der Insel Chiloé vertrieben.
 
Als Staatsoberhaupt der neuen Republik regierte 1818-23 mit diktatorischen Vollmachten B. O'Higgins. Nach seiner Absetzung brachen heftige Parteikämpfe über die zukünftige innere Ordnung aus, die erst nach dem Sieg der Konservativen und der Verabschiedung der von ihrem Führer D. Portales entworfenen Verfassung im Jahre 1833 beendet wurden. Während der Präsidentschaften von General M. Bulnes Prieto (1841-51), General M. Montt (1851-61) und José Joaquín Pérez (1861-71) verlief die innenpolitische Entwicklung im Vergleich zum übrigen Hispanoamerika äußerst stabil und ermöglichte einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg. Neue Kupfer- und Silberminen wurden erschlossen; landwirtschaftliche Güter fanden - u. a. im dank der Goldfunde aufstrebenden Kalifornien und Australien - neue Absatzmärkte; Eisenbahnen und Schifffahrtslinien verbesserten die Verkehrsverbindungen. Durch den Ausbau des Schulwesens sollte die Volksbildung erweitert werden; 1843 wurde die Universität Santiago unter Leitung von A. Bello gegründet. Das Einwanderungsgesetz von 1845 förderte die Ansiedlung vieler Deutscher im Kleinen Süden.
 
Äußere und innere Konflikte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts:
 
1865 wurde Chile durch seine Haltung gegenüber dem spanisch-peruanischen Konflikt in einen Krieg mit Spanien verwickelt, in dessen Verlauf die spanische Flotte die Hafenstadt Valparaíso beschoss. Nachdem die Grenze im Süden in den 1860er- und 70er-Jahren in langwierigen Kämpfen mit den Araukanern gesichert worden war, gewann Chile im Salpeterkrieg (Pazifikkrieg) 1879-83 die nördlichen Provinzen Tarapacá und Arica (von Peru) sowie die das gesamte bolivianische Küstengebiet umfassende Provinz Antofagasta. Damit verfügte Chile über reiche Kupferminen sowie über das Weltmonopol für Salpeter, dessen Ausfuhrzölle zur Haupteinnahmequelle des Staates wurden.
 
Durch den wirtschaftlichen Aufschwung hatten die politischen Ideen des Liberalismus eine größere Anhängerschaft gewonnen. Erfolgreiche Vertreter aus Handel und Gewerbe verdrängten die konservative, Land besitzende Oligarchie von der Macht und setzten liberale Reformen durch. Unter Präsidenten Domingo Santa María González (1881-86) erreichte die Reformpolitik unter heftigen Kämpfen mit der Kirche ihren Höhepunkt (u. a. Einführung der Zivilehe); nach der Verwirklichung der Maßnahmen zerbrach aber die Einheit der liberalen Partei. Präsident J. M. Balmaceda Fernández (1886-91) schlichtete den Streit mit der Kirche, geriet dann aber durch seinen autoritären Führungsstil in Konflikt mit dem Kongress, der ihn 1891 für abgesetzt erklärte. Der darauf folgende Bürgerkrieg endete mit dem Sieg der Kongresstruppen und stärkte die Legislative gegenüber der vormals mächtigen Exekutivgewalt. Die labilen Parteienverhältnisse schwächten aber die innere Ordnung.
 
Der soziale Wandel und die politische Entwicklung bis 1945:
 
Die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse gerieten in Bewegung, nachdem die Bevölkerung zwischen 1890 und 1920 rasch zugenommen und sich die Einwohnerzahlen in den Städten im Zuge der Industrialisierung fast verdoppelt hatten. Die schlechten Arbeitsbedingungen in Stadt und Land sowie die Geldentwertung riefen Streiks und Unruhen hervor. Die Arbeiterschaft und ihre Gewerkschaften wurden zu einem neuen politischen Faktor. Präsident A. Alessandri Palma (1920-24/26, 1932-38) erstrebte während seiner ersten Amtsperiode den sozialen Ausgleich und setzte 1925 mithilfe der Militärs eine Verfassung durch, die die Macht des Präsidenten gegenüber dem Kongress stärkte sowie die Trennung von Kirche und Staat festschrieb. Die konstitutionelle Ordnung wurde 1927-31 durch die Militärdiktatur des Präsidenten C. Ibáñez del Campo unterbrochen. Er veranlasste Sozialreformen und förderte ausländische Investoren, wurde aber, nachdem der ökonomische Aufschwung durch die Weltwirtschaftskrise 1930 abrupt zu Ende gegangen war, gestürzt. Während der zweiten Präsidentschaft A. Alessandris verbesserte sich die wirtschaftliche Lage, doch führte die Verschärfung sozialer Gegensätze zur Stärkung der Linksparteien, deren Vertreter 1938-52 den Präsidenten stellten: 1938-42: P. Aguirre Cerda; 1942-46: J. A. Ríos Morales; 1946-52: G. González Videla. In dieser Periode verstärkte sich der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft, die dank des Exportbooms und des Ausbaus der heimischen Industrie während des Zweiten Weltkrieges neuen Auftrieb erhielt. Bis Januar 1943 widersetzte sich Chile der Forderung der Alliierten, die diplomatischen Beziehungen zu den Achsenmächten abzubrechen.
 
Von 1945 bis zum Ende der Militärdiktatur:
 
Nach Kriegsende beteiligte sich Chile an der Gründung der UNO (1945) und der OAS (1948). In der Zeit des Kalten Kriegs brach es 1947 die diplomatischen Beziehungen zur UdSSR und zur Tschechoslowakei ab und schloss innenpolitisch die Kommunisten von der Regierungsverantwortung aus. Unter Präsidenten Ibáñez del Campo, der in seiner zweiten Amtsperiode (1952-58) gute Beziehungen zum argentinischen Präsidenten J. D. Perón unterhielt, führte die fortschreitende Inflation zu innenpolitischen Spannungen. Angesichts unveränderter gesellschaftlicher Strukturen (Großgrundbesitz, ungleiche Einkommensverteilung) vermehrten sich in den 50er-und 60er-Jahren die Unruhen unter den ärmeren Schichten und bewogen die Politiker zur Planung grundlegender sozialer und wirtschaftlicher Reformen. Nach ersten Ansätzen unter Präsident J. Alessandri Rodríguez (1958-64) ergriff der christlich-demokratische Präsident E. Frei Montalva (1964-70) radikale Maßnahmen, stellte die Kupferminen unter staatliche Kontrolle, enteignete Großgrundbesitzer, verteilte Land an besitzlose Bauern und verbesserte die soziale Sicherung der Arbeitnehmer. Seine Reformen ermöglichten aber keine nachhaltige soziale Umverteilung und weckten die Forderung nach einem sozialrevolutionären Programm, mit dem der Kandidat des linken Parteienbündnisses »Unidad Popular«, S. Allende Gossens, 1970 die Präsidentschaftswahlen gewann. Mit seinem umfassenden Sozialisierungs- und Verstaatlichungsprogramm (u. a. entschädigungslose Enteignung der Kupfer- und Kohlenbergwerke sowie von Bodeneigentum) rief er den Widerstand der Parlamentsmehrheit und der konservativen Kreise hervor. Die wachsende innenpolitische Krise wurde verschärft durch terroristische Aktionen links- und rechtsradikaler Gruppen. Nachdem der Kongress Allende »wegen wiederholter Verletzung der Gesetze und der Verfassung« für abgesetzt erklärt hatte, stürzte ihn die Armee in einem blutigen Putsch, bei dem er ums Leben kam (September 1973).
 
Eine Militärjunta unter Führung von General A. Pinochet Ugarte übernahm die Macht und löste das Parlament auf. Der General, der 1974 das Amt des Staatspräsidenten übernahm, errichtete eine harte Militärdiktatur, machte zahlreiche Sozialreformen rückgängig und unterdrückte alle politische Aktivitäten, v. a. der Linksparteien. Mit monetaristischen Mitteln suchte er die wirtschaft. Probleme des Landes zu lösen. Infolge der Menschenrechtsverletzungen war das Land außenpolitisch isoliert. Auch die 1980 verabschiedete neue Verfassung untersagte die Tätigkeit von Parteien und schrieb Pinochets Präsidentschaft bis 1989 fest. Seit Mitte der 1980er-Jahre wuchs die Oppositionsbewegung, sodass sich die Regierung zur Einleitung eines Reformprozesses gezwungen sah und 1987 die Bildung von Parteien legalisierte. In einem Plebiszit (1988) lehnte die Bevölkerung eine 2. Amtszeit Pinochets ab.
 
Der Demokratisierungsprozess seit 1989:
 
In einem 2. Referendum (1989) wurden zahlreiche Verfassungsänderungen (u. a. Verkürzung der Amtszeit des Präsidenten auf 6 Jahre und Verlust seines Rechts, die Abgeordnetenkammer aufzulösen) gebilligt. Am 14. 12. 1989 wurde P. Aylwin Azócar als Kandidat eines 17 Parteien umfassenden Bündnisses zum neuen Präsidenten gewählt (Amtsantritt März 1990). Obwohl sein Handlungsspielraum durch weit reichende Maßnahmen des Militärregimes noch eingeschränkt war (Pinochet hatte das Recht, bis 1998 Oberbefehlshaber der Streitkräfte zu bleiben), festigten sich in seiner Amtszeit die demokratischen Strukturen. Mit Wirtschaftswachstum und Rückgang der Inflation verbesserte sich allmählich die soziale Lage der unteren Schichten. Die Präsidentschaftswahlen im Dezember 1993 gewann E. Frei Ruiz-Tagle (PDC, Amtsantritt März 1994). Unter seiner Regierung stabilisierte sich die Wirtschaft weiter. Pinochets Vorkehrungen (u. a. ließ er sich 1998 zum »Senator auf Lebenszeit« ernennen), die Machtstellung des Militärs und Amnestiegesetze konnten nicht verhindern, dass in Öffentlichkeit und Justiz die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen unter der Diktatur begann. Mit der Verhaftung des ehemaligen Diktators im Oktober 1998 in Großbritannien wurden zwar die tiefen Widersprüche in der chilenischen Gesellschaft offenbar, doch löst sie sich seitdem endgültig von der Vergangenheit. Der Entzug der Immunität des Senators nach seiner Rückkehr im März 2000 ermöglichte auch juristische Schritte gegen Pinochet, doch wurden diese im Juli 2001 wegen Verhandlungsunfähigkeit vorläufig eingestellt. Die Präsidentschaftswahlen 1999/2000 gewann im 2. Wahlgang der Kandidat der Mitte-links-Koalition, R. Lagos Escobar, womit erstmals seit dem Putsch wieder ein sozialistisch orientierter Politiker das Amt bekleidet (Amtsantritt März 2000).
 
Der Grenzstreit mit Peru, der auf den Salpeterkrieg des 19. Jahrhunderts zurückging, wurde 1999 endgültig beigelegt. Seit Ende des Jahres 2000 ist Chile Mitglied der Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur.
 
 
Allgemeines:
 
W. Zeil: Geologie von C. (1964);
 W. Weischet: C. (1970);
 
Landflucht u. Verstädterung in C., hg. v. W. Lauer (1976);
 K. Rother: Gruppensiedlungen in Mittel-C. (1977);
 J. Bähr: C. (21981);
 
C. Gesch., Wirtschaft, Kultur der Gegenwart, hg. v. T. Heydenreich (1990);
 
Modellfall C.?, hg. v. J. Ensignia u. D. Nolte (1991);
 L. Spielmann: Staatsintervenismus oder ökonom. Liberalismus? (1992).
 
 
D. Barros Arana: Historia general de C., 16 Bde. (Santiago de Chile 1884-1902);
 
F. A. Encina: Historia de C. desde la prehistoria hasta 1891, 20 Bde. (Santiago de Chile 1-41948-56);
 
J.-P. Blancpain: Les allemands au Chili (1816-1945) (Köln 1974);
 
C. Legenden u. Wirklichkeit, in: Ibero-Amerikan. Archiv N. F., Jg. 8 (1982) H. 1/2; S. Villalobos R. u. a.: Historia de C., 4 Bde. (Santiago de Chile 5-91983-84);
 
G. J. Ojeda-Ebert: Dt. Einwanderung u. Herausbildung der chilen. Nation. 1846-1920 (1984);
 
R. Friedmann: C. unter Pinochet. Das autoritäre Experiment 1973-1990 (1990).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Lateinamerika (1820 bis 1860): Ein Kontinent ordnet sich neu
 
Lateinamerika: Oligarchien und Militärdiktaturen ab 1929
 

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Chi|le ['tʃi:le, auch: 'çi:le]; -s: Staat in Südamerika.

Universal-Lexikon. 2012.

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